Literaturpflaster: Ayu Utami arbeitet in ihrem zweiten Roman die Gräueltaten des Suharto-Regimes auf

Berleburg ist für Autorin eine Oase der Ruhe

Ayu Utami (Mitte) las aus ihrem zweiten großen Werk 'Larung' aus dem Jahr 2001. Ihr deutscher Übersetzer Dr. Peter Sternagel (rechts) moderiert und gibt Erklärungen zu Landeskunde, aktueller Politik und zur Mystik des großen Archipels. Otto Marburger liest Teile der deutschen Übersetzung. (WP-Foto: Christiane Sandkuhl)

Bad Berleburg. Ein Sanitätshaus als Ort für eine Literaturlesung ist für eingefleischte Literaturpflasterbesucher nichts Spektakuläres mehr. Für die indonesische Schriftstellerin Ayu Utami und ihren deutschen Übersetzer und Moderator der Veranstaltung, Dr. Peter Sternagel, hatte das Sanitätshaus Kienzle in der Berleburger Sählingstraße etwas sehr Illustres. "Für mich ist hierher zu kommen, abseits des Trubels der momentan laufenden Frankfurter Buchmesse, wie eine Oase, ein Ruheort trotz des bis zum Rand mit Zuhörern gefüllten Ladenlokals," so die Indonesierin.

Indonesien kennengelernt

Die Veranstaltergemeinschaft des 22. Literaturpflasters an der Odeborn schätzt sich in jedem Jahr glücklich parallel zur Buchmesse am Main, die namhaftesten Autoren des jeweiligen Ehrengastes in Frankfurt begrüßen zu können. Indonesien, das war bis vor wenigen Wochen noch literarisch, politisch und historisch in Wittgenstein Neuland. Inzwischen sind die Besucher der Traditionsreihe Kenner der "17.000 islands of imagination" (17.000 Inseln der Fantasie). Ayu Utami brachte mit ihrem zweiten Buch "Larung" eine weitere Geschichte indonesischen Schicksals nach Wittgenstein.

Ayu Utami lebt sehr spirituell

Ihr erster Roman "Saman" erschien 1998 kurz vor dem Sturz des Machthabers Suharto. "Larung" ist die Fortsetzung von "Saman", der Lebensbeschreibung des jungen katholischen Priesters. Ayu Utami lebt recht spirituell, ist praktizierende Katholikin und setzt sich in beiden Büchern sowohl mit der Mystik des Lebens auseinander, als auch mit den Gräueltaten des 32 Jahre dauernden Suharto-Regimes. Im September 1965 begann etwas, was in der Welt, der am wenigsten beachtete Massenmord der Geschichte ist, an über einer Million Menschen. Ayu Utami nimmt sich dem Schicksal Larungs an, einem jungen Drucker mit negativer Weltsicht, der mit der Pflege der uralten geschwätzigen Großmutter betraut ist, und daher ihrem Dasein ein Ende setzen will. Es ist wohl eine Art Euthanasie, der er er sich bedient und nichts besonderes dabei empfindet.

Immer wieder arbeitet Utami Blenden in die Zeit vor dem Massaker 1965 ein. Hier lässt sie die Großmutter zu Wort kommen und flicht nostalgische Momente der alten Dame mit ihrem Enkel Larung ein. Die Autorin bedient sich detaillierter, streckenweise grausamster Darstellungen von Hinrichtungen, geschlachteter Körper. Spätestens ab diesen intensiven Momenten weiß der Leser: das Leben ist voller Willkür und der Mensch rettet sich, indem er auf andere zeigt und sie schließlich zum Opfer macht.

Emotionsgeladene Sprache

Der Name "Larung" hat in Indonesien zwei Bedeutungen. Zum einen umschreibt er einen spirituellen Vorgang, einen Opfergang, indem die Asche nach dem Verbrennen der Toten an den Ozean, an die Erde und ihre Götter zurückgegeben wird, zum anderen ist "Larung" der Name der Hexenschülerin der Hexe Arang, die im Buch von großer Bedeutung ist. Hass und Vorurteil gegen Witwen und weise Frauen werden von Ayu Utami in moderne Form tradiert. Ein großes lesenswertes Werk, das sicher nach 313 Seiten sagen lässt: "Mir sind die Protagonisten, trotz aller Schicksalsschwere und dem furchtbaren Ende ans Herz gewachsen." In 100 Minuten bekam der Zuhörer einen Eindruck von emotionsgeladener Sprache, klarer Sicht zur Historie und radikaler Ablehnung von Unrecht.

Authentische Qualität

Sowohl Otto Marburger (Veranstaltergemeinschaft des Literaturpflasters) als auch Dr. Peter Sternagel geben ein großartiges Zeugnis über das zweite Werk der Journalistin Ayu Utami." Das Buch hat authentische Qualität. "Larung" behandelt alles aus dem Leben und bietet mit ihren tiefen intensiven Einsichten und einer glanzvollen aber auch gnadenlosen Sprache eine brillante Lehrstunde indonesischer Politik, harter Kritik in ihrem Bilderbogen über das Trauma der Massenmorde unter Suharto. Heute ist Ayu Utami eine Ikone der Literaur in Indonesien. Gefeiert und mit größtem Respekt bereist sie die Welt, informiert und hinterlässt immer einen Apell an die Menschlichkeit.

Das Team des Sanitätshauses Kienzle hat wie gewohnt hervorragend diesen unterhaltsamen Abend vorbereitet. Ein Dank der Veranstaltergemeinschaft "Literaturpflaster" in Form von Literaturpflastersteinen gingen an die Autorin Ayu Utami, an Dr. Peter Sternagel und an das Sanitätshaus, entgegen genommen von Bettina Kuhn-Henk.

Von Christiane Sandkuhl


Vom Model über die Journalistin zur Autorin

Ayu Utami wurde am 21. November 1968 in Bogor, West-Java geboren. Sie wuchs in Jakarta auf und studierte dort Russisch und Literatur. Sie beendete das Studium mit dem Bachelor.

Aufgrund ihres attraktiven Äußeren wurde ihr eine Modelkarriere vorgeschlagen, die sie ablehnte und sich auf ihre Arbeit als Journalistin konzentrierte.

Sie trat der Allianz unabhängiger Journalisten bei, die allerdings im Jahr 1994 noch unter dem Regime Suharto verboten wurde.

Ayu Utami ist heute, nach dem Leben als Agnostikerin, praktizierende Katholikin.

WESTFALENPOST (19.10.2015)
Internet: www.derwesten.de/staedte/bad-berleburg/
Bildquelle: WP-Foto von Christiane Sandkuhl

WESTFALENPOST

Ayu Utami beeindruckte beim Bad Berleburger Literaturpflaster

Unerschrocken und mutig

Otto Marburger, Ayu Utami und Übersetzer Dr. Peter Sternagel (v. l.) sorgten für einen weiteren überaus spannenden Literaturpflaster-Abend im Bad Berleburger Sanitätshaus Kienzle. (SZ-Foto: Franziska Henk)

Bad Berleburg. (fhe) Indonesien hat eines der blutigsten antikommunistischen Massaker in der Geschichte des 20. Jahrhunderts erlebt. Aufgearbeitet ist dieser dunkle Teil der Geschichte aber noch lange nicht. Als Vorreiterin – wohl nicht nur im schriftstellerischen Bereich – wurde die Journalistin und Buchautorin Ayu Utami mit ihrem Roman "Saman" gefeiert.

Ihr Debütroman brach gleich mehrere Tabus in Indonesien und sollte der Schöpferin dieses revolutionären Romans großen Bekanntheitsgrad verschaffen. Zu Besuch in Bad Berleburg war diese faszinierende Frau am Freitagabend, um auch das hiesige Literaturpflaster mit ihren Werken als auch ihrer Persönlichkeit zu bereichern. "Larung" heißt der Fortsetzungsroman ihres bahnbrechenden Debüts und ist jetzt auch in deutscher Sprache erschienen. Um dennoch sprachlichen Kommunikationsproblemen aus dem Wege zu gehen, vollbrachte Ayu Utamis deutscher Übersetzer Dr. Peter Sternagel ein kleines sprachliches Meisterwerk, indem er zwischen drei Sprachen hin und her wechselte.

Sternagel, der selbst einige Jahre lang in Indonesien gelebt hat, übernahm am Abend die Moderation und klärte nebenbei auch über einige politische, geschichtliche und kulturelle Details auf. Die Lesung aus "Larung" übernahm hingegen Otto Marburger, der am selben Tag auch schon die Frankfurter Buchmesse besucht hatte und sich nun wohl auf einen indonesischen Abend im weitaus kleineren, aber sicherlich auch im persönlicheren Kreis mit Autorin Ayu Utami gefreut haben dürfte. Nach dem Erstlingswerk "Saman", das 1998, noch einige Wochen vor dem erzwungenen Rücktritt General Suhartos in Indonesien erschien, war es 2001 dann für dessen Nachfolger "Larung" an der Zeit. Im Buch ist das Inselarchipel zum ersten Mal wieder mit der Demokratie konfrontiert, die die Indonesier selbst mit in die Hand nehmen mussten. Nach den verheerenden Gewaltexzessen unter Suharto ist das Land aber lange noch nicht befreit. "Larung" ist eine Aufarbeitung des Traumas der Jahre 1965/66, als Hunderttausende von Kommunisten und vermeintlicher Sympathisanten Opfer willkürlicher Verfolgungen wurden, sowie die Unruhen in Jakarta 1998, die schließlich zum Ende des Suharto-Regimes führten.

Verflochten sind darin auch die Lebensläufe von vier selbstbewussten Frauen, die der Leser – neben anderen Charakteren – bereits aus dem Roman "Saman" kennt. Einige Ausschnitte des ambivalenten Romans sollten dann auch den Gästen vorgestellt werden – dieses Mal übrigens im Sanitätshaus Kienzle an der Sählingstraße. Dass dieser Roman nicht nur die Politik und Geschichte Indonesiens thematisiert, wird beim Lesen schnell deutlich. Vielmehr berührt er auch ganz andere Lebensbereiche: Er spricht über Religion, Liebe, Kultur und Spiritualität, nimmt nie ein Blatt vor den Mund – und bleibt dennoch unterhaltsam und fesselnd, wenngleich der Einstieg den Leser mit vielen Szenensprüngen auch fordert.

Unerschrocken, tabubrechend, mutig – mit diesen und vielen anderen starken Adjektiven ist Ayu Utami schon beschrieben worden und all diese Begriffe treffen auch auf sie zu.

Von Franziska Henk

Siegener Zeitung (19.10.2015)
Internet: www.siegener-zeitung.de
Bildquelle: SZ-Foto von Franziska Henk (fhe)

Siegener Zeitung

22. Berleburger Literaturpflaster - INDONESIEN

  • Ayu Utami
  • Ayu Utami: Larung

Lesung: "Larung"
von Ayu Utami

Moderation und Übersetzung: Dr. Peter Sternagel

Mit ihrem ersten Buch "Saman" hat sich die Journalistin Ayu Utami nicht nur in Indonesien einen Namen gemacht, sondern auch in Deutschland und Europa. Ihr Erstlingswerk wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Nun folgt der zweite Roman in deutscher Übersetzung. "In 'Larung' begegnen dem Leser Saman, Yasmin, Sihar, Laila und ihren Freunden wieder. Ihre Geschichten sind angereichert durch Perspektiven und Themen, die die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse unter dem Regime Suhartos prägten. Unter anderem geht es um die Aufarbeitung des Traumas, das durch die Massenmorde nach dem Putschversuch im September 1965 ausgelöst wurde." So kündigt der Horlemann Verlag die deutsche Übersetzung an.

Kurz nachdem drei wichtige Nachrichtenmagazine von Suharto verboten wurden, schloss sich Ayu Utami aus Protest der Aliansi Jurnali Independen (Allianz unabhängiger Journalisten) an. Die gesellschaftlichen Umbrüche in Indonesien ziehen sich wie ein roter Faden durch ihre Prosa.

Für den Abend in Bad Berleburg konnte der deutsche Übersetzer von Ayu Utami und Indonesien-Kenner, Dr. Peter Sternagel, gewonnen werden. Eine kenntnisreichere und ansprechendere Moderation ist nicht zu finden.

Ort:
Sanitätshaus KIENZLE, Sählingstraße 16

Freitag, 16. Oktober 2015

Beginn:
20.00 Uhr

Eintritt:
5,- € / 2,- €

Wir freuen uns auf Sie.


Weitere Informationen über das Bad Berleburger Literaturpflaster finden Sie im Internet:
www.literaturpflaster.com


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